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Liebe Leserinnen und Leser,
„Ich habe fertig!“ – wissen Sie noch, von wem dieser Wutausbruch Ende der 1990er kam?
Genau, Bayern Trainer Giovanni Trappatoni, vor fast 30 Jahren, als er aus lauter Frust mit dem Team hingeschmissen hat.
Am vergangenen Sonntag haben wir uns in einem bewegenden Gottesdienst nach 18 Jahren von unserem Propst Stephan Wichert-von Holten verabschiedet. Was er zu dazu in einem Gespräch vor ein paar Wochen sagte, hörte sich ganz anders an: "Ich bin mit dieser Kirche noch nicht fertig". Das klingt so gar nicht nach dem Groll von Trappatoni, und statt eines Schlussstrichs zum Abschied eher hoffnungsvoll und vielleicht auch ein bisschen trotzig, dass man diesen schweren Tanker Kirche doch noch irgendwie fit machen kann, für die immer stürmischere See, die vor uns liegt. Und vielleicht auch ein bisschen die Erkenntnis, dass es auf einem anderen Deck weitergehen muss, um noch mal aus dem Vollen schöpfen zu können.
Aber da war eben nichts von Resignation oder Frustration zu spüren. Obwohl auch das bei all den Herausforderungen auch verständlich gewesen wäre. Einen Kirchenkreis zu leiten, der so viel mit Strukturveränderungen und Einsparen zu kämpfen hat, ist sicher kein leichtes und immer freudiges Unterfangen.
Das hat sicher viel Energie gekostet, und ich und viele andere hätten es sicher gut verstanden, wenn Stephan gerade auch nach dem viel zu frühen Tod von Karin einfach gesagt hätte: „Ich habe fertig“.
Aber das hast er nicht. Und das ist nicht nur gut so, sondern das beeindruckt mich und davor habe ich großen Respekt: Denn die Ideen, die er in unseren Kirchenkreis eingebracht hast, haben etwas anderes vor Augen gehabt, als nur eine Institution: Ideen, die von der Perspektive auf die Christinnen und Christen vor Ort aus gedacht werden, und wo Strukturen und ihre Veränderungen nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben umgesetzt werden. „Wie können wir als Kirche gut tun“ – das war einer seiner Leitsätze, die ich mitgenommen habe.
Die ganz unterschiedlichen Arbeitsbereiche und -formen, die er dafür entwickelt und im Kirchenkreis geschaffen hast, zeigen das ganz deutlich: Wir haben eine evangelische Akademie, die sich um die Fort- und Weiterbildung gerade auch der Ehrenamtlichen kümmert. Wir hatten ein "Erklärwerk", das die Gemeinden vor Ort unterstützt hat. Es gibt jetzt einen Sozialraum-Manager, der Kirche als Bündnispartnerin vor Ort stärkt. Und ich selber würde heute hier nicht schreiben, wenn er nicht die Idee gehabt hättest, dass unser Kirchenkreis einen Kommunikationsunterstützer braucht. Jemand, der anders als die üblichen Öffentlichkeitsarbeitenden dafür da ist, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, damit Kirche an der Basis das, was sie macht und wofür sie steht, nach draußen bekommt.
Und manches davon ist so erfolgreich gewesen, dass es jetzt auch anderswo übernommen wird, so wie das Kirchenkreispfarramt, das seine Handschrift trägt und dafür Sorge getragen hat, dass man flexibel auf die Herausforderungen des kirchlichen Wandels reagieren kann.
Das alles sind Ideen und Impulse gewesen, die andernorts auch sicher nötig sind, auch wenn die Menschen außerhalb unseres Kirchenkreises bei vielen dieser Projekte erst mal überrascht gewesen sind - und oft waren wir das selbst auch: Was soll das denn? Und wofür ist das gut? Geht das denn überhaupt so? Lohnt sich das?
(Bei meiner Stelle als Kommunikationsunterstützer haben mich schon Leute gefragt, ob ich Hörgeräte für die älteren Gottesdienstbesuchenden bereit stelle)
Aber Stephan hat Kirche eben konsequent von den Menschen vor Ort her gedacht und versucht, neue Wege und Lösungen zu finden, weil ihm - vielleicht früher als dem einen oder der anderen - klar war, dass es anders weitergehen muss, damit es weitergehen kann.
Von daher ist es gut, dass er mit Kirche noch nicht "fertig" ist und jetzt vielleicht andere von seinen (wie man im Englischen so schön sagt) „outside-the-box“ Ideen, profitieren können.
Mit seinem frohem Mut, seiner Ausdauer und Gottes Segen, den wir ihm alle wünschen, bin ich mir sicher, dass die ersten Ergebnisse seines neuen Arbeitsbereichs nicht lange auf sich warten lassen werden.
Und wenn es dann eine Modellregion zum Ausprobieren brauchst, weißt er ja, wo der experimentierfreudigste Kirchenkreis dieser Landeskirche zu finden ist 😀.
Ich denke, ich spreche für viele, wenn nicht für alle hier im Kirchenkreis, wenn wir ihm für das Möglich-Machen von vielen kleinen und großen Dingen, für das Vertrauen in uns, bei allem, was wir gemeinsam angegangen sind, und dafür, dass er im Zweifelsfall an unserer Seite stand, anstatt „Chef von oben“ zu sein, ein großes und herzliches Dankeschön von uns allen aussprechen.
Für die neue Arbeit und den neuen Lebensabschnitt an der Leine (dem Fluss, nicht dem Halsband, wie unsere Regionalbischöfin Marianne Gorka so schön sagte) möge Gottes Segen die neue Arbeit begleiten, und auf dass sich unsere Wege in nicht allzu ferner Zukunft wieder kreuzen werden!
Herzliche Grüße
Ihr Frederik Holst
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